Volltext: 313. Ausstellung – Oesterreichischer Kunst-Verein in Wien – November 1881

  
  
Ausstellungs-Gegenstände: 
1. Piloty Carl von, k. Akademie-Director in München. 
„Die klugen und die thörichten Jungfrauen.” 
(Evangelist Matthäus, 25. Hauptstück.) 
Der Meister entnahm den Stoff zu diesem Colossalbilde der Parabel von den 
zehn Jungfrauen, welche auf die Kunde:.»Der Bräutigam kommt« in tiefer Nacht- 
stunde mit den brennenden Ampeln über die Stufen des Einganges dem nahenden 
Bräutigam festlich entgegen ziehen sollen, von denen jedoch einige mit Entsetzen 
den Mangel des Oeles oder ihre zerbrochenen Ampeln bemerken und sich daher 
durch Schuld und Leichtsinn von der Freude des Empfanges ausgeschlossen sehen. 
Während dem Evangelisten dieses Gleichniss nur als Träger für die Lehre: » Wachet 
also, denn ihr wisst nicht den Tag und die Stunde !« dient, individualisirt der 
Künstler die klugen und die thörichten Jungfrauen und stellt die zwei Gruppen 
schöner Frauengestalten contrastirend einander gegenüber. Hiedurch ward es dem 
Künstler möglich, die ausserordentlichsten psychischen Momente zu verkörpern. 
Während auf der rechten Seite des Bildes die ungetrübte Freude, das erhebende 
Bewusstsein eines reinen Gewissens, und der erfüllten Pflicht sich ausprägen, 
finden wir auf der linken Seite den Leichtsinn und die Schuld mit allen ihnen {fol- 
genden Seelenqualen, deren letztes Ende die Verzweiflung ist, zum Ausdruck 
gebracht. Durch eine Terrasse, welche nach rechts über einige Stufen in den Garten 
hinab führt, bricht der Meister die Monotonie des Aneinanderreihens 80 vieler für 
sich sichtbarer Gestalten. Die hochaufgerichtete Mittelfigur hält als Sinnbild der 
strengen Gewissenhaftigkeit mit dem linken Arme ihre Leuchte empor, sie vor 
jedem Angriffe sichernd, während sie mit der rechten Hand abwehrende Bewegungen 
gegen die ihr zu Füssen knieende, der linken Gruppe angehörende Gestalt macht. 
ImVordergrunde rechts hält eine der klugen Jungfrauen einen Palmzweig empor und 
blickt dem nahenden Bräutigam entgegen, während sich in den Zügen einer andern 
zunächst stehenden Gestalt die Erwartung desselben vergeistigt. Die vierte Gestalt 
füllt fürsorglich ihre Ampel mit neuem Oele, während die letzte, deren unschulds- 
volle Züge noch fast dem Kindesalter angehören, mit ihrem Schleier die Leuchte 
vor dem Erlöschen hütet. e 
Links von der Mittelfigur kniet mit flehenderGeberde die Gestalt, welche als 
Verbindung zwischen den zwei Gruppen dient. Der Künstler hat in ihr den minder 
Sträflichen Leichtsinn, der mehr aus jugendlichem Unverstand als aus Genusssucht 
fehlte, charakterisirt. In den weiteren Gestalten treten die Folgen der Thorheit 
und der Lust immer. schroffer hervor. Die Reue ringt abgewendet die schönen 
Arme; die Hoffnungslosigkeit liegt, ihr Antlitz verbergend, am Boden, während 
ihre Nachbarin mit scheelen, nach den klugen Jungfrauen gewandten Blicken, den 
Neid versinnlicht. In der letzten, ihr Haar raufenden Gestalt, welche den für sie 
nun werthlosen Schmuck vom Haupte reisst, erkennt man die Verzweiflung. Auch 
durch die Lichtvertheilung erscheinen die auf den zwei Seiten des Bildes herrschen- 
den entgegengesetzten Stimmungen noch verstärkt. Die rechte Gruppe hebt sich 
‚yon einem lichten, blumengeschmückten Grunde ab, während es immer düsterer 
wird, je mehr sich der Blick nach links hinüber wendet. Rechts erblicken wir noch 
  
 
	        
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