Full text: XXVII. Ausstellung der Vereinigung Bildender Künstler Österreichs Secession Wien

Die bedeutendste Arbeit, die aus diesem Streben entstan 
den ist, das Volkstheater in Belleville, wird hier zum ersten 
Male außerhalb Frankreichs gezeigt. Wie seine Bildnisse we 
niger von der äußeren Form des Dargestellten erzählen als 
von dem geheimen Leben seiner Seele, so kann man dieses 
Gemälde ein Porträt der Volksseele nennen, wie sie sich im 
Theater der Pariser Arbeitervorstadt offenbart. Es sind nicht 
einzelne Zuschauer, abgesonderte Individuen, sondern es ist 
das Volk, die Menge, es sind die Gefühle dieser Menge, die uns 
hier offenbart werden. 
Außer den Arbeiten, die man als Dokumente der liebe 
vollen Häuslichkeit des Malers auffassen kann, hat Carriere eine 
Reihe von Bildnissen bedeutender Männer geschaffen, die in 
der Kunst des Porträts bleibende Stätte behaupten werden. So 
hat er Elysde Reclus, Anatole France, Alphons Daudet, Edmond 
de Goncourt, Paul Verlaine, Puvis de Chavannes, Clemenceau, 
Rochefort in einer Weise gemalt, die an Rembrandt und an 
Velasquez erinnert, die aber trotz dieser Erinnerungen einzig 
und allein Carrifere angehört. 
Carrifere hat einst in einem Vortrage seine Kunst selbst 
charakterisiert, als er sagte: «Der moderne Künstler muß vor 
allem gegen sich selbst wahr sein. Er darf nur ausdrücken, 
was er selbst gefühlt hat, er soll beichten, wie sehr er inner 
lich seinen Mitmenschen ähnlich ist, anstatt im selbsterheben 
den Eigendünkel einer absonderlichen Verschiedenheit nachzu 
jagen: diese Beichte wird das wahre Band sein zwischen dem 
Künstler und seinen Zeitgenossen, die leben und leiden wie er.» 
PARIS 
KARL EUGEN SCHMIDT.
	        
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