Full text: Honoré Daumier 1808 - 1879

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n seinem schönen Buche „Honore Daumier“* schreibt Erich 
Klossowski von unserem Meister: „Daumier ist jetzt fast dreißig 
Jahre tot, und diese Zeit über ist sein Ruhm in einem Maße ge- 
wachsen, wie selbst seine treuesten Anhänger nie geahnt hätten. 
Die Schätzung, die wir ihm heute zuteil werden lassen, wäre vor kurzem 
noch kaum verstanden, sicherlich maßlos übertrieben befunden worden. In 
einzelnen Köpfen, bei den besten seiner Zeitgenossen, hatte wohl immer ein 
Empfinden für die Größe des Mannes gelebt. Doch mehr als persönliche Über 
zeugung, mehr als Instinkt denn als Beweiskraft, die eine weitergehende nach 
haltige Suggestion auszuüben vermochte. Wenn man ihn bewunderte, seine 
Bewunderung begründete, blieb dennoch ein Rest, der nicht ganz aufging, fand 
man eine Größe, die mehr hinter dem Werk als in ihm selbst zu stecken schien. 
Daumier war der Mann, der fünfzig Jahre Karikatur gemacht hatte, Kari 
katur höchsten Stiles, soziale, politische, menschliche Satire vom Schlage der 
Rabelais und Moliere, immerhin etwas wie Eintagsarbeit. Er war etwas wie 
ein Journalist von Genie, Künstler in einem Genre, eine Spezialität, freilich 
ersten Ranges. 
Jeder konnte nach Belieben in ihm finden, was ihm zunächst lag. Einem 
Michelet war er der geliebte Rebell, der seherische Philosoph, der mit einem 
Bilde enthüllte, was hundert Zeitungsartikel nicht auszudrücken vermochten 
Baudelaire erkannte den Dichter, den Schöpfer einer neuen göttlichen Ko 
mödie, der aus dem aktuellen Paris ein Poem von grotesker Erhabenheit ge 
wann. Für die gesamte ältere Generation existierte eigentlich nur der Daumier 
des Charivari. Selbst Champfleury, sein erster Biograph, der doch um Daumier 
den Maler wußte, er, der Rubens und Jordaens, Goya und Delacroix nannte, 
um die Sphäre anzudeuten, die der Karikaturist zu erreichen schien, läßt 
leichten Herzens alles beiseite, was seine Wertung entscheidend stützen konnte, 
um wieder nur den Griffel-Künstler, den geistvollen Beobachter, den ChrO' 
nisten einer Epoche zu schildern. 
Uns interessiert es nicht, an Daumiers Hand Leidenschaften zu beleben, 
die längst tot sind, Kulturentwicklungen zu verfolgen, die anderen Ortes 
ebensogut zu studieren wären. Wir leugnen den Meister der Lithographien 
nicht ab. Auch mit diesem Werk bliebe er noch immer als einer der großen 
Zeichner der Kunstgeschichte bestehen. Aber wir lieben an diesen Blättern 
mehr das, was sie uns ahnen lassen, jenes größere Werk, das sie zu versprechen 
* Das Buch ist in demVerlage von R. Piper & Co. in München erschienen, 
der uns aus dem reichen Illustrationsmaterial des Werkes zehn Klischees 
freundlichst zur Verfügung stellte. H. O. M.
	        
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