Full text: Moderne Meister (Band 3, 1897)

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Nunmehr am Ende meiner Schilderung der österreichischen 
Historienmalerei, soweit sich diese auf die Bilder unserer Galerie 
bezieht, angelangt, kann ich wieder bei jenen Malern anknüpfen, 
welche in den ersteren Decennien unseres Säculums gewisser- 
massen den Schwerpunkt der damals in Wien ausgeübten Kunst 
bildeten und die wir auch noch für unsere heutigen Anschau 
ungen in Bezug auf Malerei und lebenswahre, volksthümliche 
Charakteristik entsprechend zu beachten und voll zu würdigen 
haben. Es ist dies vor Allem die Gruppe der Genre-, Porträt- und 
Landschaftsmaler. Sehr zahlreich sind zwar die Namen der Künstler 
nicht, die zu dem Ruhme dieser Kunstperiode beitrugen, aber jeder 
dieser Künstler war ein ausgesprochenes und für seine Richtung 
höchst charakteristisches Talent, jeder von ihnen war der Träger 
einer Kunstäusserung, die im Volksleben ihre Wurzel hatte. Alle 
zusammen gestalteten jedoch ein einheitliches, wohl zutreffendes 
Charakterbild echt österreichischen Wesens, sowie sich dasselbe in 
Leben und Treiben der Kaiserstadt Wien in jener Zeit dargethan 
hat. Demnach gleich den alten holländischen Malern des XVII. Jahr 
hunderts national und volksthümlich und vor Allem realistisch, ent 
nahmen sie ihre Motive dem Leben und der auf sie unmittelbar 
wirkenden Zeit, während das ideale Moment, sowie auch die Ro 
mantik allerdings mehr als vielleicht gut sein mochte in den Hinter 
grund traten, so dass sich Meister wie Schwind und St ei nie 
gezwungen sahen, den Wanderstab zu ergreifen, um anderswo den 
ihnen zusagenden Wirkungskreis zu finden. 
Unsere Wiener Maler begnügten sich in schlichter Form und 
Art anmuthige und gemüthliche Bilder zu schaffen und Dank dieser 
fernab von jeder Pose stehenden Wahrheit ihrer Darstellungen 
finden wir uns auch heute noch von diesen Malern angezogen, wir 
verstehen sie, obwohl wir einer ganz anderen Zeit angehören, noch 
vollkommen und erfreuen uns an ihren Werken, aus denen nicht 
die Absicht spricht, sondern die innere Ueberzeugun 
Bedürfniss zur Kunst. Mögen wir auch bis heute viel gelernt haben, 
wovon diese Künstler nichts wussten, das Eine steht fest, dass 
wir einer so gesunden Naivetät nicht mehr fähig sind und dass 
trotz allen Bemühens, der Kunstausübung wieder reine, natür 
liche Tendenzen zuzuführen, diese häufig schon im Keime zu 
unnatürlichen werden, weil der Wille allein nicht wirkt, wenn die 
Fähigkeit hiezu fehlt. Zu solch naivem Empfinden, wie es jetzt 
häufig mit gewaltsamer Verleugnung alles bisher Bestehenden in 
der Kunst probirt wird und wodurch Erscheinungen zu Tage 
treten, die uns jedenfalls mehr zur Verwunderung als zur Be 
wunderung führen, ist, glaube ich, unsere Zeit gar nicht angethan. 
Wenn es aber dennoch geschieht, so wolle man sich nicht ent 
gegenstellen, denn diese Abnormitäten, welche gegenwärtig auf dem 
Gebiete der bildenden Kunst Wurzel fassen wollen, sind vielleicht 
als ein nothwendiger Läuterungsprocess anzusehen, wenn nicht etwa 
auch als die leidige Consequenz einer allgemeinen Uebersättigung, 
die dahin leitet, nach Pikantem und Seltsamen zu streben. Unwill 
kürlich frägt man sich, ist nicht schon Alles erreicht worden, was 
gross und herrlich genannt zu werden verdient? Stehen wir nicht 
mehr bewundernd vor den höchsten Idealen, welche die Kunst der 
Alten uns darlegt? Haben wir nicht selbst in unserer Zeit bereits 
Höhepunkte erreicht, die kaum wieder erreicht zu werden ver 
mögen? Und heute will man sich von all dem Gesehenen und in 
sich Aufgenommenen vollkommen abwenden, um eine ganz neue 
Kunstanschauung zu gewinnen? Weshalb? Weil wir Höheres nicht 
mehr erreichen können oder weil wir des Bestandenen und Be 
stehenden durchaus müde sein müssen? Neue Ziele sollen in der 
Kunst gewonnen werden, ist es denn möglich, solche zu finden, 
die nicht auf Vorangegangenem basiren? Manche der Secessionisten 
wollen sie wohl gefunden haben, aber die Mehrzahl der Menschen 
kann an die oft recht räthselhaften Dinge, die da gebracht werden, 
nicht glauben, ja sie weist sie von sich. 
Die Zeit, von der ich hier zu sprechen habe, war freilich eine 
himmelweit andere. Stilles Behagen, hohe Achtung vor dem Be 
stehenden und ein frisches Auge, ein keuscher Blick für Natur und 
Menschheit, lenkten Pinsel und Stift der in kleinen, bescheidenen 
Räumen und in eben solchen socialen Verhältnissen arbeitenden 
Künstler. Zur Sommerszeit zogen sie fröhlich hinaus in Wald und 
Flur; in der Regel waren es keine weiten Reisen, die sie unter 
nahmen, um ihre malerischen Vorwürfe zu holen; die, wenigstens 
von denen jetzt vornehmlich die Rede sein wird, blieben hübsch 
bei Hause, boten doch der herrliche Wienerwald, der nahe Prater, 
das niederösterreichische Bauernleben und ein glückliches, mit sich 
zufriedenes Bürgerthum der nächsten Orte, und Wien selbst mit all 
seinen charakteristischen Typen genug der schönen und ergötzlichen 
Stoffe für den keine grossen Weltereignisse fordernden Genremaler. 
Und nur in diese,!* Abgeschlossenheit, in dieser gänzlichen Unbeirrt- 
heit von fremden Elementen konnten die Samenkörner, welche auf 
keimten, zu Blättern und Blüthen gelangen, die unverwelklich wurden, 
und es ward eine Kunstepoche, die ohne äusserlichen Glanz und 
Prunk nur von Herz und Gemüth sprach und uns heute in voller 
Frische erzählt, wie es damals recht und schlecht zuging auf der 
kleinen Welt, in deren gebildeten Kreisen sich zwar keine hohe 
Wogen treibende, dafür aber eine echt lebensfähige Kunst eingelebt 
und eingewohnt hatte. 
Dass es auch damals Gegnerschaften in den Bestrebungen der 
Künstler untereinander gab, das liegt im Wesen der Menschen 
überhaupt, und dass die Akademiker Front zu machen suchten 
gegen die neuen Ueberzeugungen, welche die allmälig sich empor 
arbeitenden, der Natur und dem socialen Leben sich wieder zu 
kehrenden jungen Künstler zu gewinnen suchten, ist doch nur be 
greiflich, da alles Neue vom Bestehenden bekämpft wird, wie wir 
es gerade ebenso heute erleben. Es frägt sich eben nur, ob das 
Neue Dauer hat und auf festem, gesundem Grunde emporwächst, 
und ob es auch sonach besser ist als das Alte. Von diesem Kampfe 
erzählt uns namentlich die Geschichte zweier Hauptmeister der 
% 
Wiener Schule, Danhauser und Waldmüller. Beide' gingen 
siegreich aus demselben hervor, wacker hielten sie Stand und eilten 
als echte Genies ihrer Zeit voraus. WaldmüHer hatte, weil er 
älter wurde, das längere künstlerische Wirken voraus, er sah noch, 
wie ihm endlich sein Recht ward, wenn er auch darüber erst ein alter 
Mann werden musste. Aehnlich ist es auch dem so sehr gefeierten 
Landschaftsmaler Corot in Paris ergangen, der ein Siebenziger werden 
musste, ehe man zum vollen Verständnis seiner Werke gelangte. 
Josef Danhauser ist in der kaiserlichen Gemäldegalerie 
in seiner ganzen Bedeutung vertreten, ja man kann annehmen, 
das wahre 
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