Full text: Ernst Stöhr zum Gedächtnis = Versteigerung des künstlerischen Nachlasses Ernst Stöhr durch C.J. Wawra im Gebäude der Secession, Montag den 28. und Dienstag den 29. Oktober 1918

     
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An Beschäftigung hat es Stöhr in seinem fruchtbaren, 
reichen Leben wohl nie gefehlt. 
Viele Stunden widmete der auch dafür außergewöhn- 
lich begabte Künstler der Musik; es war die Kunst, 
die er neben der Malerei am meisten liebte. 
Jederzeit hat er auch gern und viel gelesen; er kannte 
und liebte die Klassiker und Romantiker seit frühester 
Jugend, hat die griechischen Tragödien eifrig studiert 
und bedauerte tief, sie nicht in der Ursprache genießen 
zu können. 
Seine seelische Veranlagung ließ ihn Ibsen erkennen 
und verehren, lange bevor das allgemeine Verständnis 
für den nordischen Dichter aufdämmerte, der erst 
zehn Jahre später zur Geltung kam; in der heimischen 
Literatur schätzte er Nestroy besonders hoch ein, dessen 
Theaterstücke er auch gerne vorlası 
Seine ganze Liebe aber galt dem gemütstiefen, genialen 
Ferdinand Raimund; offenbar ließ diese bezaubernde, 
unverwelkliche Poesie, dieser kühne, phantastische 
Humor — den doch fast immer ein leichter Grundton 
von Melancholie durchzittert — verwandte Saiten in 
Stöhrs Herzen erklingen. 
Es .kann bei einem Menschen von solchem Naturell 
nicht wundernehmen, daß die Frauen eine hervor- 
ragende Rolle in seinem Leben spielten und auch großen 
Einfluß auf ihn ausübten. Es war ihm vielleicht am 
wohlsten in ihrer Atmosphäre; Frauenschicksale inter- 
essierten ihn und sein tiefes, sympathisierendes Ver- 
ständnis für die weibliche Natur machten ihn zu ihrem 
teilnehmenden, fördernden Freund, zum intimen Ver- 
trauten. Er fühlte, daß seine Individualität die Frauen 
anzog, empfand es wohltuend, daß sie sich, dank dem 
    
  
   
	        
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