Full text: Ernst Stöhr zum Gedächtnis = Versteigerung des künstlerischen Nachlasses Ernst Stöhr durch C.J. Wawra im Gebäude der Secession, Montag den 28. und Dienstag den 29. Oktober 1918

  
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war es von außen mit seinem hohen Dach fast wie ein 
Kirchlein anzusehen; vielleicht wird die Zukunft einst 
einen Sagenkreis um dieses Haus und seinen Besitzer 
weben. Das Atelier war so ausgestattet, daß es allen 
Bedürfnissen Stöhrs vollkommen entsprach; auch ein 
Vorraum für Radierung mit Presse und allem nötigen 
Zugehör war vorhanden. In dieser poetisch und idyllisch 
‚ gelegenen Werkstatt begann nun ein fleißiges, ziel- 
bewußtes Arbeiten; er ordnete, sichtete und vollendete 
das bereits Vorhandene, entwarf neue Kompositionen ; 
überreich strömten seiner Phantasie die Ideen‘ zu. Un- 
gezählte Porträts entstanden und wundervolle Stimmungs- 
bilder, Mond- und Winterstimmungen; besonders sei 
der Freilichtakte gedacht; auch zahlreiche kleinere, mit 
besonderer Liebe durchgeführte Radierungen dürften aus 
dieser Zeit herrühren. 
Stöhr hatte bei seinen mannigfaltigen Beschäftigungen 
noch immer genug Zeit zur Lektüre übrig; neben dem 
bewährten Alten interessierte. ihn alles lebhaft, was auf 
literarischem Gebiete neu erschien. Besonderen Gefallen 
fand er an intimen Detailschilderungen, 
Für fremde Arbeit auf jedem Gebiete war er ein 
gütiger, milder Beurteiler, der aufmunterte und förderte, 
wo er konnte, 
Stöhr hat verhältnismäßig wenig von fremden Landen 
und von fremder Kunst gesehen; er kannte Italien, wo 
er sich in Rom und Neapel einige Wochen aufhielt, Eine 
größere Reise, die er in den letzten Jahren mit seiner Frau 
unternahm, führte ihn durch Deutschland und die Nieder- 
lande, nach London und Paris — dies dürfte so ziem- 
lich alles gewesen sein; zu wenig für seine Sehnsucht, 
aber ausreichend, um schöpferisch gefördert zu werden. 
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