Full text: 82. Ausstellung der Secession - Die führenden Meister der französischen Kunst im neunzehnten Jahrhundert. Veranstaltet vom Verein der Museumsfreunde in Wien

  
Religion. Wer sie nicht so erfaßt, dem wird seine Manier gefährlich. Und er bildet 
einen‘ Angelpunkt, er eröffnete neue Möglichkeiten des Schauens und Erlebens und 
führte so .zu einer neuen Form und Raumauffassung hinüber — zu jener, die sich 
noch lebendig in unseren Tagen fortentwickelt. 
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Alle vorausgegangenen großen Malkulturen mußten vorerst in Paris zusammen-: 
strömen, ja die Künstler reisten hin, um sie im eigenen Lande aufzusuchen. Der 
Einfluß der Museen und des erleichterten Verkehres begann in die Breite zu 
wirken. 
Da war der italienische und spanische, der holländische und flämische Malkreis 
(der deutsche, als vorwiegend zeichnerisch, wirkte hier gar nicht mit ein). Überall 
gab es Dunkel- und Hell-Dunkel- und Lichtmaler. Die Zauber und Geheimnisse 
des Lichtes und der Farbe enthüllten sich schon hier in wogender Fülle. Man hätte 
glauben können; daß die Malkunst erschöpft sei. Aber das Licht hatte hier noch 
mehr eine symbolische Bedeutung, es war nicht Licht des Alltags, sondern der 
Offenbarung, das aus einem höheren Jenseits hereinströmte. — Und dann war da 
Poussin, den sie heute in Frankreich wegen der Abgewogenheit seiner Bilder als den 
Vater ihrer- Malkunst verehren, und Claude Lorrain, an den im neunzehnten Jahr- 
hundert Turner anknüpfte. Turner, dieser rätselhafte Meteor von blendender Pracht 
der Farben und des Lichtes, dieser ahnende Vorkämpfer, der zusammen mit einigen 
anderen Engländern, besonders Constable und Bonington, der modernen Land- 
schaftsmalerei. den Boden bereiten half. Auch China und Japan begannen durch 
allmählich  eindringende Farbenholzschnitte und andere Kunstwerke klärend ein- 
zugreifen. 
Dieser ungeheure, unentwirrbare Komplex yerdichtete sich in einem Samen- 
korn, das, als. die ‚europäische Seele um- und umgeackert‘ war; zu einem neuen 
mächtigen Stamm erwuchs. Dieser Baum stand diesmal auf dem Boden des franzö: 
sischen Geistes. 
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