Full text: CIII. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession - Künstlerisches Gestalten des Kindes, Methode Thetter

    
    
wird Kraft zur Macht, wird Gegenwart Dauer — spielend erhebt sich 
der Mensch aus irdischer Beschränktheit. 
Wer beide Triebe versöhnen kann in wechselseitiger Korrelation 
und in ein objektives Erscheinen bannen kann, heißt Künstler. Er 
erhöht das Einseitige zum Vollkommenen, er gibt dem Zufälligen den 
Stempel der Dauer, der Allgemeinheit, er befriedigt Sinne und Vernunft, 
denn er weiß die Kraft und die Wirklichkeit seines Erlebens im 
Wirken in jene höhere Gemessenheit münden zu lassen, die in Klang 
und Rhythmus das Werk aus dem Trivialen ins Allgemeine erhebt. 
Er weiß das Einmalige, das Gegenwärtige, Vergängliche, das ihn als 
Sinnenmensch „außer sich“ und damit zum Wesen bringt, in jene 
Sphäre zu erheben, in der bedingtes Wesen zu unbedingtem Wesen in 
Ordnung, Harmonie, Gesetz sich wandelt. Und er weiß auf diese Weise 
sich selbst und seine individuelle Eigenart in einem Gebilde zu objekti- 
vieren, das allen Menschen angehören kann. „Dieser schöne Begriff 
von Macht und Schranken, von Willkür und Gesetz, von Freiheit und 
Maß, von beweglicher Ordnung — — — erfreue dich hoch.“ 
Alle hohen Menschenwerke sind vollkommene Entsprechungen dieser 
beiden Forderungen des Lebens, denn: „Der Mensch unterscheidet, 
wählet und richtet. Er kann dem Augenblick Dauer verleihen.“ 
Wer in diesem höchsten Sinne Mensch ist, ist der Weise. Des 
Menschen Art wird weise. Die Worte „Art“ und „Weise“ in ihrer Ur- 
bedeutung sind tiefste Zeugen dieser eingeborenen Möglichkeiten im 
Menschen. Des Menschen Körper im Gleichklang seiner differenzierten 
Organfunktionen, als reiner Ausdruck seiner „Art“ ist würdigstes 
Instrument zur Übung dieser „Weise“. Könnten wir ihm denkend, 
fühlend, wollend entsprechen, wir übten unsere Art und wären weise. 
Auf diesem Gipfel seines Seins ist der Mensch selbst höchste Mani- 
festation der zwei Funktionen. In seinem Körper, in seiner Organisation 
entspricht er vollkommen dem, was Formtrieb fordert, als Ordnung, 
Gesetz, Harmonie — in seinem Denken, Fühlen, Wollen, in seiner Seele 
ist das subtilste und umfassendste Wesen gegeben, das alles, was da 
west, darstellen kann, das allem, was da ist, mitleidend, mitlebend ent- 
sprechen kann. Diesen ganzen Menschen mit seiner doppelten Er- 
fahrung, diese aber in intimster, innigster Wechselbeziehung und in 
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