Full text: CIII. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession - Künstlerisches Gestalten des Kindes, Methode Thetter

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Freudeausdruck begreifen über den Einklang, den sie fühlen, zwischen 
dem Ausdruckswillen und dem wunderbaren Sichfügen der organisch 
gebauten Glieder des Körpers. Es handelt sich nur darum, daß wir 
Erwachsenen diese Einheitslust des Kindes begreifend und wertend, 
das Kind so leiten, daß es in immer reinerer Art diesem Zusammen- 
klang seiner Organe entsprechen lernt. Das Kind kommt diesem Be- 
streben mit all seiner Lebensintensität entgegen, es will sich steigern, 
so wie es körperlich wachsen will. Schreien wird dann Singen — Tollen 
wird Tanzen werden, man muß nur Spiele pflegen, die in reinster 
Weise dem Körperwollen, der lebendigen Konfiguration des Körpers, 
also seinen lebendigen Gesetzen entsprechen. Es wäre Aufgabe einer 
besonderen Abhandlung, nachzuweisen, wie sehr unsere sinnlos er- 
scheinenden, belächelten Kinderspiele, gerade aber nur diejenigen, die 
sich von Generation zu Generation erhalten, in ihren Regeln, Gesetzen 
Spiegelung dessen sind, was im Menschenkörper als organischer Wille 
in Weisheit veranlagt erscheint. Diese Spiele spielend, objektivieren die 
Kinder die Sehnsucht ihrer Organisation, sie stellen aus sich heraus 
die lebendigen Gesetze ihres Leibes. — In diesem Sinne ist der Mensch 
das Maß aller Dinge. In seinem Körper ruht in Immanenz die Weisheit, 
in seinem Wollen und Streben der Drang, die Möglichkeit, dieser Weisheit 
gerecht zu werden. 
Wenn wir wissen, daß in dem Wechselspiel von erwachendem und 
sich steigernden Eigenwillen des jungen Menschen einerseits, seinem 
sich entwickelnden Körper andererseits alle Geheimnisse der Mensch- 
werdung offenbar werden, dann werden uns alle Beobachtungen, die wir 
am Kinde machen können, bedeutend erscheinen. 
Es wird uns vor allem wohl nur jene Seite der Menschennatur im 
Kinde merkbar werden, die den Eigenwillen zeitigt, die elementare 
Kraft des Erlebens, Empfindens im Sinnentriebe. Wir werden be- 
merken, wie, für die nüchterne Art des Erwachsenen unverständlich, 
ein Kind sich freuen kann, wie oft über einen geringfügigen Anlaß die 
Intensität der Freude nicht nur in den Augen oder in den gewohnten 
Gebärden der Freude zum Ausdruck kommen kann, sondern im ganzen 
Körper: wie das Kind ergriffen, überwältigt, durchbebt von dem, was 
es erregt, den Körper zusammenzieht und mit hochgezogenen Schultern, 
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