Full text: CIII. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession - Künstlerisches Gestalten des Kindes, Methode Thetter

  
  
  
bindens, Ausgleichens, Harmonisierens verlangt. Alle Bemühungen, die 
den Menschen steigern, von den rein körperlichen (im Sport, Zirkus) 
bis zu den vergeistigten in den hohen Menschenwerken, gehen letzten 
Endes darauf hinaus, jenen Sinn im Menschen zu entfalten, der ihn 
seiner Bestimmung näherzubringen imstande ist. Man könnte diesen 
Sinn, um ihn ganz allgemein zu benennen, auch mit „Gerecht—igkeit“ 
bezeichnen. 
Und da ist es vor allem das Kind, das aus seiner inneren, noch un- 
berührten Menschennatur heraus ganz elementar Gerechtigkeit fordert. 
Nichts kann es weniger vergessen als erlittene Ungerechtigkeit, es fühlt 
sie gleichsam körperlich-schmerzlich. Es fordert Gerechtigkeit, weil es 
bis in jede Regung seines Seins selbst Gerechtigkeit ist und nichts 
anderes weiß und will als Gerechtigkeit. Wir können diese Erfahrung 
nicht ernst genug nehmen; es hat seelisch und organisch Richtung er- 
reicht: sein ganzes Kinderdasein hat seinen Sinn in einem glückseligen 
Gewahrwerden dieser inneren und äußeren Gerichtetheit, die es mit 
allen Sinnen und Gliedern wie ein Heiliges in sich birgt. Vor allem 
seine Spiele sind konzentriertes Erleben dieser Gerechtigkeit — in allen 
Nuancen und Variationen ihres Erscheinens — vom Ringelreihen, Teller- 
reiben bis zum Schachspiel und den sportlichen Spielen. 
Gib dem Kind einen Ball in die Hand, und in kurzer Zeit wird es 
die Gesetze dieses Materials bemeistern können bis zu jenem beglücken- 
den Erleben des Gleichmaßes, des Zusammenklanges. Und so mit 
jedem Material, man muß ihm nur die Möglichkeit schaffen, sich mit 
ihm verbinden zu können. Sein Sinnentrieb verbindet sich intensiv 
mit den inneren Gesetzen, sein Formtrieb weiß es in jene Beziehung 
zu bringen, die das Beglückende des Spieles ausmacht. Nur darf das 
Kind bis zu einer gewissen Altersstufe in dieser Freude am Spiel nicht 
durch gedankliche, begriffliche Tendenzen vergewaltigt werden. Nur 
aus dem Spiel und aus der beim Spiel rege werdenden schöpferischen 
Phantasie, die aus den Möglichkeiten des Materials jene geordneten 
Beziehungen schafft, wird der wahrnehmbare Inhalt. Dieser Inhalt 
ist anfangs nichts anderes, darf anfangs nichts anderes werden als der 
Inhalt, der sich aus den beiden Faktoren Materialausdruck und Gesetz 
der Beziehung ergibt, also ein Inhalt mit musikalischem Charakter. 
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