Full text: CIII. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession - Künstlerisches Gestalten des Kindes, Methode Thetter

  
  
  
  
  
  
sondern eben ein Prinzip, das, wie der Name schon sagt, der allgemeinen 
Natur zugrunde liegt, also über Zeit und Raum ein Gleiches bleibt. Es 
wurde geübt vom primitiven Menschen, als er im Äußerungswillen seine 
ersten Laute artikulierte zum Wort, zum Namen, zum Begriff, es wurde 
geübt bei jedem ersten Tun, bei jedem ersten unmittelbaren Beziehung- 
nehmen zu den Qualitäten der Welt. In dieser Unmittelbarkeit liegt das 
Geheimnis alles originellen Werdens. Ob auf diese Weise ein Kosename 
entsteht, der in Lauten das Geliebte zu schildern, zu lieben versteht, oder 
ein treffender Spitzname oder ein Witz, ein Wortspiel, ein Jodeln oder 
ein Volkslied, ob schreitend im Rhythmus ein Wanderlied wird, ob in 
Galilei im Dome zu Pisa vor der schwingenden Kirchenlampe die 
Pendelgesetze wach werden, ob in Newton beim Anblick eines fallenden 
Apfels die Gesetze des Falls, — es liegt diesem allen letzten Endes dasselbe 
zugrunde. 
Es ist ein Tun, bei dem das, was wird, nicht als Folge eines vor- 
gefaßten Planes entsteht, für das nicht eine Absicht, eine Aufgabe, ein 
Thema bestimmend ist, — was da wird, ist Folge des Tuns, oft ein staunen- 
erregend neues. Immer Resultat zweier Faktoren, von dem der eine 
der Mensch ist, der bewegliche, empfängliche, tatenbereite Mensch, der 
andere eine Situation, eine Gegebenheit, die diesen Menschen zur Äußerung 
anregt, zur Entfaltung seiner allgemein menschlichen und individuellen 
Fähigkeiten. Immer sind dabei tätig die beiden typisch menschlichen 
Triebe: Interesse für die Dinge der Welt und Freude, Beziehungen 
zwischen ihnen herzustellen. Werden diese in der Kindheit nicht 
gepflegt, werden sie nicht in ein Niveau heraufgehoben, in dem sie reine 
Freuden bereiten und menschenwürdiges Wirken, so verdorren sie später 
entweder zu Stumpfsinn, Indolenz, Lebensunlust oder arten aus (zur Qual 
der Mitmenschen) in übertriebene Betätigung, in Tratschsucht und Ver- 
leumdung. Der Mensch kann böse sein oder gut, Menschenziele fördern 
oder stören, vernichten, je nachdem man ihm in der Jugend Gelegenheit 
gab, diese beiden Triebe zu betätigen. 
Zu ihrer Entfaltung veranlassen oft nichtige Dinge, und dieser folgt 
ein menschenerfreuendes, menschenbejahendes, oft menschheitsförderndes 
Tun. Wie bei Galilei die schwingende Lampe, so können ein Fleck auf 
der Mauer, eine Flechte auf einem Stein, ein paar aufgefangene Laute, 
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