Full text: CIII. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession - Künstlerisches Gestalten des Kindes, Methode Thetter

  
  
  
  
  
  
lebendigen Erfassen dessen, was wir hier Spiel nennen, etwas, was wir 
sonst als Anlage, als Talent bezeichnen. Spiel muß er leben lernen, 
aber als wacher, selbstbewußter Mensch, er muß immer mehr in sein 
Bewußtsein bringen, was im Kinde spielend lebt. Das kann er, wenn 
er mit Interesse alles ergreift, was ihm der Tag zubringt, wenn er sich 
mit den Qualitäten des Daseins im Sinnentriebe verbindet und sich 
im Formtrieb vertraut macht mit der Vernunft, mit den Gesetzen im 
Gefüge der Natur und Welt — nichts wird er dann versäumen, was 
Wissenschaft ihm dazu beitragen kann. In diesem lebendigen Darinnen- 
stehen in der Welt, im Leben, wird er sich jene Agilität, jene Freudig- 
keit, die mit der allseitigen Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten 
wächst, wird er sich jene Abgerundetheit, Labilität, jene Geistesgegen- 
wärtigkeit erwerben, die er als Lehrer braucht, um dem lebendigsten, 
regsten Materiale, das wir kennen, zu entsprechen. Keine Vorbereitung, 
wie sie von dem heutigen Lehrer berechtigterweise noch gefordert 
werden muß, kein Stundenbild darf dem Lehrer diese Labilität nehmen, 
die notwendig ist, damit er dem, was in der Entwicklung des Kindes 
reif werden will, dem also, was als Materialforderung an ihn herankommt 
— noch deutlicher, aber vielleicht leicht mißzuverstehen — dem, was 
als Klassenwille aufscheint, entsprechen kann. Höchste Pflicht wird ihm 
dann erscheinen, den Forderungen dessen gemäß zu werden, was in 
der Stunde, im Tag an ihn herankommt, sonst mißversteht er, was 
Wesen ist des Spieles. Nichts Vergangenes darf ihn stören — er muß 
jedesmal gewissermaßen zum erstenmal seiner Klasse gegenüberstehen 
— damit sein Tun auch immer erstes Tun sein kann. Nichts sollte 
bestimmend sein als die Gegenwart, das ist die Bildekraft des Lehrers 
und das Entwicklungsniveau der Schüler. Reines, vorurteilfreies Ergreifen 
dessen, was im Erkenntniswillen in den Kindern lebendig und gegen- 
wärtig ist, was akut geworden durch vergangene Arbeit, durch Jahres 
zeit, Feste, durch Zeit- und Ortsverhältnisse, durch kleine und kleinste 
Sorgen. Es gibt keine Begebenheit, es gibt kein Ding, und wäre es 
noch so unbedeutend, das nicht mit den Fähigkeiten jenes Künstler- 
Lehrers ins Allgemeine, ins Lehrreiche, ins Bedeutende gehoben würde. 
Die sich steigernde Entwicklung, die lebendige Folgerichtigkeit der 
„Bildung“ sichert dann die Kontinuität. 
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