Full text: CIII. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession - Künstlerisches Gestalten des Kindes, Methode Thetter

Rechnen: Das ı mal 4 an den vier Seiten eines Briefumschlages. 
Turnen: Rumpfbeugeübungen, eingekleidet in „Schneeglöckchen- 
pflücken“, im Turnsaal. 
Singen: Alle Vögel sind schon da. 
Durch derartige erquälte Zusammenhänge, wie sie im „Sachgebiet“ 
zu erreichen versucht werden, wird offenbar die Absicht nicht erreicht, 
wenn der ausgezeichnete Gedanke, in Sachgebieten zu unterrichten, 
Schablone zu werden droht, statt lebendig zu bleiben. 
Als einmal draußen ein echter, rechter Wintertag sein Wesen trieb, 
mit grauen Wolkenfetzen, mit Dunkelheit und heulendem Schnee- 
treiben, bemerkte ich, in die Klasse tretend, wie alle Kinder, die Nase 
platt an die Scheiben gedrückt, beim Fenster standen. Ich ließ das Licht 
im Klassenzimmer nicht anzünden und begann, nachdem die Kinder 
ihre Plätze eingenommen hatten, das Unterrichtsgespräch: Wer sich 
noch an unseren Ausflug, bei dem wir die vielen Erdbeeren gefunden 
hatten, erinnern könne? Sofort gingen die Schüler darauf ein, und 
bald war die ganze Klasse im lebhaften Berichten und Erzählen. Von 
den roten Erdbeeren im grünen Gras, vom staubigen Weg, vom blauen 
Himmel, von der heißen Sonne, vom Schwirren und Summen der Käfer, 
Bienen und Hummeln, von den Libellen und vom Baden im klaren 
Bach. Das dauerte über eine Stunde. — Beim Baden brach ich das 
Erzählen plötzlich ab, hieß die Kinder wieder durch die Fenster in das 
winterliche Treiben hinausschauen und fragte, wer wohl jetzt gern im 
kühlen Bach baden wollte? Ein Lachen, von dem sich wohl jeder Leser 
eine Vorstellung machen wird, war die Antwort. Danach ließ sich sehr 
wohl und angeregt im warmen Zimmer über den kalten, weißen Winter 
reden. Das Grimmsche Märchen „Schneeweißchen und Rosenrot“ 
beschloß den Tag. 
Es ist ungemein fördernd für den Unterricht, wenn der Lehrer viele 
Zusammenhänge weiß. Das Kind weiß zwar nicht die Zusammenhänge, 
west aber in ihnen. (Man bedenke, daß Wesen, Wissen und Weisheit 
sprachlich aus einer gemeinsamen Wurzel herstammen.) Die tiefsten 
Dinge können vor die Kinder gebracht werden, man muß sie nur 
in die Sprache des Kindes übersetzen. 
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