Full text: CIII. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession - Künstlerisches Gestalten des Kindes, Methode Thetter

  
„In Donnerworten sprach Gott der Herr“ u. a., um gerade dem vom 
Österreicher so vernachlässigten „r“ näher zu kommen, wurden fort- 
gesetzt und gesteigert. 
„Die Klippe soll ragen, 
Das Wasser soll tragen, 
Die Woge soll schlagen, 
Der Mensch soll nicht klagen“ 
und ähnliche Reim- und Klangspiele, die in der Klasse entstanden, 
sollten die Mächtigkeit und Wirkung gehäufter Reime und Klänge 
ins Gefühl und Gehör bringen. Ein durchgehender Sinn wurde ab- 
sichtlich vermieden, damit die Klangwirkung voll zur Geltung kommen 
konnte. Doch dachten weder Lehrer noch selbstverständlicherweise auch 
die Schüler daran, daß aus diesen Sprechübungen eines Tages etwas 
werden würde, was man Gedichte nennen kann. Wer im nach 
hinein die Entwicklung der Klasse betrachtet, kann sich aber kaum 
wundern. Lebten doch die Kinder in dem Element, welches das 
poetische ist. 
Soweit es die Jahreszeit zuließ, trieben wir uns viel im Freien 
herum, Bei den Teichen, an feuchten, sumpfigen Wiesen, an sonnigen 
Berghalden, im schattigen Walde, am rinnenden Bach. Einmal 
besuchte Plätze besuchten wir mehrmals und immer zu einer anderen 
Jahreszeit. Ein eben ausschlüpfender Schmetterling, ein heimlich von 
uns gewußtes Vogelnest, die blühenden Blumen auf ihrem bestimmten 
Standort in ihren verschiedenen Entwicklungsstadien, alle die auf den 
Ausflügen gesammelten Samen und Früchte, die nährende Brotfrucht 
von der Saat bis zum Schnitt — alles dieses, was wir da fanden und 
worüber keine einzige dozierende Bemerkung von seiten des Lehrers 
gefallen ist, war wesentlich mitbestimmend auch für unseren Sprach- 
unterricht. 
Daß die Kinder das Kino besuchten, habe ich mit allen möglichen 
mir zu Gebote stehenden Mitteln hintertrieben. Wenn an unsere Klasse 
die Reihe kam, daß wir das Lichtbildzimmer benutzen durften (wo sie 
die geschmacklosen Märchenillustrationen hätten sehen können, die ganz 
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