Full text: CIII. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession - Künstlerisches Gestalten des Kindes, Methode Thetter

des Wortklanges, die Gewalt der Dynamik über das Hindernis 
hinweggerissen wurden. Niemals wurde offenbar auch von- ihnen 
selbst der äußere Sinn als maßgebend empfunden, ich hinwider hütete 
mich streng, auf einen solchen zu dringen. Aus dem Erleben der 
Dynamik des real empfundenen Wortes, nicht durch ein kombinieren- 
des Verstandesdenken, das bei den Kindern in diesem Alter noch gar 
nicht entwickelt ist und nicht entwickelt sein soll, aus dem Erlebnis 
der Dynamik heraus sind diese kindlichen Erzeugnisse zu verstehen. 
Sehr selten wurden die Schüler über ihre Produktionen befragt, und 
wenn, nur indirekt und zu anderer Zeit. Nicht nur um die Unbefangen- 
heit zu erhalten, sondern auch um das Aufkommen von Eitelkeit und 
Strebertum zu verhüten. Was die Motive anlangt, ist auffallend, daß 
die Gedichte wie auch die Zeichnungen als vornehmsten Gegenstand 
Sonne, Mond, Sterne, Frühling, Sturm, Wasser, Feuer haben. Erst in 
den späteren Gedichten treten andere Elemente auf. Seinen Grund mag 
dies darin haben, daß die so ganz anders geartete kindliche Psyche, 
wenn sie endlich aus ihrer scheuen, webenden Innerlichkeit eine Ge- 
legenheit zur freien Äußerung findet, sich eben Dingen zugewandt zeigt, 
die ihr gemäßer sind als unsere nüchterne Alltäglichkeit des Verstandes, 
die vieles als praktisch und notwendig und zweckentsprechend bezeichnet, 
was in Wirklichkeit vielleicht gar nicht so praktisch ist. In ihrem Handeln 
beweisen die Kinder jeden Tag, daß sie die Wirkung der uns umgeben- 
den Natur weit stärker empfinden als vieles andere. 
Nun noch einige Worte in Hinsicht auf die Sprachgewalt, Form- 
schönheit und poetische Kraft der Gedichte! Loben brauche ich sie 
nicht, denn unverbrauchte, unverdorbene kindliche Kraft zu preisen er- 
scheint überflüssig. Gern wollte ich mit Worten jene überzeugende 
Einsicht in die Gemäßheit des Ausdruckes vermitteln, die ich selber 
gewinnen konnte, während mir die Kinder ihre Erzeugnisse diktierten. 
Gotthold Ephraim Lessing sagt (Pope, ein Metaphysiker): „Ein Gedicht 
ist eine vollkommen sinnliche Rede“ und fügt gleich hinzu: „Man 
weiß, wie vieles die Worte vollkommen und sinnlich in sich fassen. 
Und wie sehr diese Erklärung allen anderen vorgezogen zu werden ver- 
dient, wenn man von der Natur der Poesie weniger seicht urteilen will.“ 
Wenn wir diese Definition Lessings annehmen, dann sind die nach- 
53
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.