Full text: CIII. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession - Künstlerisches Gestalten des Kindes, Methode Thetter

folgenden Gedichte beste Poesie, denn sie sind vollkommene sinnliche 
Rede. In der deutschen Mythologie Jakob Grimms aber findet sich folgende 
Feststellung: „Niemand kann aus Abgang oder Armut an Denkmalen 
folgern, daß unsere Vorfahren in bestimmter Zeit ihre Sprache nicht 
geübt, nicht fortgepflanzt hätten. Bedachtlos wird Mangel oder Spar- 
samkeit der Nachrichten vorgeschützt, um unser der Bekehrung voraus- 
gegangenes Heidentum gleichsam alles seines Inhaltes zu berauben. Die 
Geschichte lehrt aber in der Sprache, je weiter hinauf wir ihr zu folgen 
vermögen, sinnliche Vollendung gewahren, die mit dem Steigen 
der Bildung sinkt.“ 
Eines ist merkwürdig genug: Setzen wir in dieser Darlegung anstatt 
des Wortes „Heidentum“ — „Kindesalter“, sie bleibt richtig! Denn 
auch in jedem Kind ist eine sinnliche Vollendung zu gewahren — 
mithin, wenn wir uns an Lessing erinnern, eine große poetische Kraft —, 
die mit dem Steigen der Bildung sinkt. 
Welche Aufgaben des Bewahrens, Pflegens, Steigerns scheinen auf 
diesem Gebiet der Pädagogik offenzustehen! 
Was die Wiedergabe der Gedichte anlangt, sei folgendes bemerkt: 
Geschriebenes ist in der Dichtkunst nichts anderes als die Notenschrift 
in der Musik. Gedichte dürfen nicht still gelesen, sie dürfen auch nicht 
bloß vorgelesen, sie müssen vorgetragen werden. Ich wollte, der Leser 
hätte auch die „Autoren“ selbst hören können, wie sie, ganz vergessend 
den gemeinen Sinn der Worte, hingegeben waren an den höheren Sinn 
des im getragenen Sprechen werdenden Ganzen. 
 
	        
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