Full text: CXLIII. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession

THEATER 
  
  
  
Wladimir von Hartlieb 
Burgtheater: „Die gefesselte Phantasie” 
von Ferdinand Raimund 
„Ich bin der Sohn eines Kunftörechjlers in Wien und wurde im Jahre 1791 
geboren. Die Ieigung zur Schaufpielfunt, durch den Befuch des f. ff. Hof-” 
bdurgtheaters gewedt, ertvachte jhon {ehr {früh und mit folcher Heftigkfeit in 
mir, daß id fhon als Knabe befchloß, nie einen andern StanS zu wählen; 
doch war mein Sinn bvorzugsiveije dem Trauerjpiele zugewandt, das Suftjpiel 
begeifterte mid) weniger, die Pofjfje wac mir gleichgültig.“ Dieje Säge, mit 
welchen Raimund feine GSelbjtbiographie begann, enthalten den Schlüffel zu 
Wejen und Schiejal des Dichters. Sin Iwiejpalt geht durch jein Leben, 
das in Zerrüttung endet: jeine Sendung harmoniert nicht mit feinem hHeißejten 
Wunfch. Nie kann er die Sindrücde vergeffen, die er als Iucderbäcerlehrbub 
im Burgtheater, wo er in den Paujen Bonbons anbieten mußte, mit fieberndem 
Herzen empfing. Das Schiller-, das Burgtheater - Pathos erhigten jeine Phan- 
tajfie, die Sprache des hochgefpannten Derjes beraufchte jeinen Seijt. Wie Don 
Quijote, don halbveritandzner Lektüre verwirrt, das Ideal eines Ritters wer- 
den wollte, jo Siefer feine Wiener Sehrbub, in dem bereits der göttliche Funke 
brannte, DBurgtheaterdichter, Berfajjer erhabener, wortprangender Tragödien. 
Bezeichnend war num freilich f{Hıonm für den Knaben die Neigung zum Ira- 
gifchen, zum „Trauerfpiele“. Sine tief melancholifche DBeranlagung fündigte 
fjicy hier an, eine düftere, menjhenNjHheue Semütsjtimmung, die auch) aus Ral- 
mund, wie aus fo vielen Dichtern, einen ewvigen Fremöling unter den Mienfjchen 
machte. Sein Aphorismus: „Sin tief Semüt beftimmt {ich felbjt zum Leid“ 
läßt on das Wort Leonardo da Bincis: „Piu fentimenti piu martiri“ vder 
an die Berje im Soethefjchen „Taffjo“ denfen: „And wenn der Menfch in feiner 
Qual verftummt, gab mir ein Sott, zu jagen, wie ich leide.“ Die ganz Großen, 
die EShernen bezwingen das würgende Leid und behaupten jich; die Schwächeren 
unter diefen Senialen brechen zufjammen. Raimunds Ahngit vor den Hunden, 
die ihn fchließlich in den Tod trieb, war die Ahngit vor den Höllenhunden, 
die ihn innerlich heßten. Der 3Zucerbäcerlehrbub von einft war eben — Fluch 
und Gegen zugleich — ein Semie, wenn auch) eines von anderer Alıt, ald er 
jich’8® zeitlebens gewünfjcht hat- 
Sr hieß Ferdinand Raimund, er trug einen der füßeljten, Holdeften Namen, 
die Dichtern je angeflogen waren, und ev war genalı der Dichter, der Ddiejem 
Namen entjpricht. Es ging ihm als Schaufpieler nicht anders. Als tragifcher 
DBühnendarfteller ijt Raimund durchgefallen (er jagte von fich felbit: „Ich bin 
zum Tragifer geboren, mir fehlt dazu nir als die Sejtalt und das Organ“), 
um dam in einer Poffe Herborzutreten und in wienerifjh angehauchten Poffen- 
figuren berühmt zu werden. So war auch dem Dramatiker nicht der Lorbeer 
Schillers, jondermn ein anderer — fein eigener — befchieden, der nicht minder 
undverwelflich grünt. In Raimund gipfelt eine ESntwvidlung, die mit dem 
Hansiwurft begann umd die das Wiener Bolfsitück umfaßt- 
Ss war ein unerhört üppig vuchernder Bodem, aus dem die Kunjt Raimumds 
ertwvuchs, ein Nährboden volfstümlicher Theaterfunit, von Sejfen Treibkfrajt 
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