Full text: CXLIII. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession

  
  
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HEATER 
    
{pielerin, die im Wiener Bolfsdörama je geglänzt Hatte. Therejens Publitum 
rajte, fie warf Feuer ing Parterre und auf die Salerie. Ihr furzes Leben 
war eine Rafete, eine Erplojion. Der Schwäger Caftelli jHmäht die Mittel, 
die fie zum Liebling der Wiener machten; der Hypochondrijche Raimund 
raunzt. Aber neben diejem Raimund jtand fie auf der Leopoldfjtädter Bühne 
und {jpielte die weiblichen Hauptrollen in feinen Stücden. Ihr DBortrag des 
„Sinmal muß gefchieden fein“ {oll die ungeheuerfte Wirkung erzielt Haben. 
Um berühmtejten war ihre Darftellung der „Iugend“. Hundert Jahre lang 
wagte man nichts an dem DBorbild zu ändern, das fie gefchaffen Hatte. Die 
acht Yahre ihrer Wirkfjamfeit {ind zugleich acht flaffijche Jahre der Wiener 
Theater- und Sittengefchichte, Raimund, das unfterblich-tiefe Senie der Bolfs- 
bühne, hatte die mächtige Woge unter jich, die feinen Seijt Hochtrug. 
Die „Sefejfjelte Phantafie“, die im Burgtheater jüngjt als Fejt- 
vorftellung zur Erinnerung an Raimunds GSterbetag in Szene ging, ift nicht, 
wie die zünftigen Kritifer glauben machen wollen, ein f{cHhtvaches, {ondern. 
ein vollgültiges Stüg, das in jedem 3ug die Hndjchrift des Senies bezeugt. 
HZreilich, die Senialität der berühmtejten Werfe Raimunds {fticht mehr in die 
Augen, aber auch in diefem Zauberfpiel, einer Literaturfjative, die fortivährend 
über ihr SZiel Hinausfjpringt, ertveijt alles den großen Seift und die fichere 
Hand eines Meifters. Man muß das Seniale nur {püren, man muß ihm mit 
einer Saite des eigenen Wefjens eriwvidern fönnen. Sin Stücg wie Diejes 
ichreibt nur ein Geijft von Höchftem Rang, ein „Shafejpeare enfant“, wenn. 
man das Kindlich-Naive jhHon bejonders Hervborheben will. 
Sin Aniverfaljtüc ift die „SGefefjelte Phantafie“, ähnlich der „Zauberflöte“, 
ein Stüd, das gleichfalls Himmel, Erde und Hölle umfaßt. Der Srundeinfall 
ijt großartig und den Kem alles Echten in der Kumnft berührend: Raimund 
zeigt, daß ohne Phantafie feinem Sehimn, mag es no {fo flug fein; ettvas 
einfällt. Das ijt ein Ur-Thema, und wer es in einer Reihe von fKöftlichen 
Szenen entivideln fann, wohnt unmittelbar am Herzen Sottes. Goethe hat 
der Phantafie, der „etvig beweglichen, immer neuen, fjeltjamen Tochter FJovis“ 
in feinem Sedicht „Meine Söttin“ den „höchiten Preis“ zuerfannt. Wirklich 
ijt ja die Rhantafie die twunderbarfte und unbegreiflichfte unter den menj{ch- 
lichen Seijtesgaben. Sie ijft es, die ein Genie zum Senfje macht; denn eim 
Senie ft jener Menjih, der in feinem Werf der Phantafie folgt. Sie ift 
ein unerläßliches Clement des Senius, fie drüct jedem Meiftertverf, jeder 
großen Tat das Zeichen der Bollendung auf. Die „Tochter Fovis“ ijt fie, alio 
unmittelbar göttlichen Alrjprumgs, und wo fie gefejfelt, gefihändet und ver- 
trieben wird, dort Herrfht Nacht, fchivarze, de SGeiftesnacht. Wie herrlich 
nun, daß ein Dichter wie Raimund, einer, der fjelbjt die geheimnisvolle Gabe 
der Phantajie in außerordentlidhem Srad befaß, uns Ddiefe einfache und große 
Tatjache in Bildern voll der föjtlichjiten Sinnfälligfeit zeigt. Diefes Werf, 
das Hohelied auf die Phantajie, mußte irgendeinmal im Lauf der Zeiten ge 
jrieben werden, — und zwar genau fo, wie Raimund es fchrieb; es dünfkt 
mich wegen feines ins Herz der Kunft weijenden Themas unentbehrlich unter 
den Schägen, die uns die großen Dichter Hinterlafjen Haben. Es ijt alfo voll- 
fommen lächerlich, ja ein Zeichen von geiftiger Ahnungslofigkeit, wenn ein 
großer Teil unjerer Zeitungsfritit diejem ‚Zauberfpiel Herablaffend - gönnerhaft 
begegnet und ettva nod) von „dverftaubten Wigen“ {pricht. Diejes Werk ift 
auftvühlend, erfiehütternd und erhebend im allerhöchiten Srad. Es {Heidet das 
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