Full text: CXLIII. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstler Wiener Secession

$CHRIFTTUM 
  
lichite Sejtalt, der Zigeuner Raibod Kagenfrefjfer, follte urfprüng- 
lid dem Buche Namen und Titel geben, jharf den ironifhen BZauberfkreis 
beleuchtend, aus dem dies Städtchen mit all feinen Mienfchen nicht herausgelöft 
werden fann. Welche Fülle in diejem Kreife! Da-ift die Pinterin, das ärmifte 
DBetteltveib, die für ihr totes Söhncdhen Ejjen und Kleider zufammenbettelt — 
eine grotesf - rührende Sejtalt; da find in dem jHauderhaften „Haus des Schiwvei- 
gens“ die beiden Menfhenpaare, die fjeıt Fahrzehnten nicht mehr miteinander 
iPreen, das Ehepaar und der Bater mit feiner Tochter — gar nicht fo {chlechte 
Leute eigentlich, aber in der Kleinjtadt zu unglückjeligen Originalen geworden; 
da ift „Die dide Dame“, unnahbar in ihrem Seheimnis, voll Würde und Süte' 
— 3Ulegt entpuppt fie fich als entlaufene Klofterfchtverter; da ift der Anter- 
lehrer, Herr Hüter, ein böfjer Gnom, mit feiner ihn peinigenden, mondänen Frau, 
die fich endlich, jhon angejahrt, jfandaldös entführen läßt, und andere Sehver 
und Lehrerinnen, Sonderlinge. ohne Ausnahme alle; und da die liebens- 
würdigiten der Sonderlinge — das feine alte Brüderpanr mit feinem Kofen- 
garten! Da enttwölft {ich des Dichters von Ironie gefurchte Stimm und mit 
entrücter Bedächtigkeit zeichnet er die Rofenzüchter und die Rofe nach: und 
das feine Kapitel durchöuftet das ganze Buch. Hier müffen wir einfügen, 
welchen Stil diefes Buch Hat und wie es gefchrieben it: nämlich rofentürdig! 
Auch das Srotesie, das Schauderhafte ijt jhön und meifterhaft gejagt, ift 
echte Dichtung! Es ijt, als ob der Dichter fie alle mit Heimlichem GStolze 
zeigte, von den unfeligjten Raritäten unter {einen MienijhHen bis zu jenen 
Helliten Figuren, wie fie 3. DB. unter den „Weiblichen Sonderlingen“ als 
Muhme Rafffe, die Herrlide Märchenerzählerin,. oder als „Die {Hhöne Frau 
Martonin“, die Bäuerin, fjamt dem Bauern, ihrem Mann, und in bdielen 
andern die ganze Seduld, Tüchtigkeit, Biederfeit und Rechtichaffenheit des 
fFeinftädtijhen Lebens Sarftellen. 
Aber das meifte Licht ijft auf den Mittelpunkt diefes bunten Kranzes, auf 
das feine MäddHen Berta gelentt, für welches. alle diefe Kleinftadtleute, 
vielleicht noch fonderbarer vom Kinde aus- gefehen, Die „Sroßen“ find, die 
erlebt die Seftalten und erlebt die Orte, das eigene alte DBüryerhaus mit 
jeiner unerjhöpfligen Speifefammer und {feiner gefindereichen Küche, mit 
jeinen Semwölben, Höfen, Brummen und Gärten; {ie den Laden des Kauf- 
mannes Bihler mit all feinen Düften; den Fahrmarfkt, das große Dolksrjeft 
mit S3irfug und Elefant, den Schloßgarten mit feinem melonengroßem Riefen- 
apfel, den man einfach {tehlen muß; {ie erlebt Bidnig und Wolfenbruch, fie 
Zejte und Jahreszeiten, fie, mit der Puppe im Arm, das verzauberte Blumen- 
didicht, und fonderbar befommen die Orte in ihrem Dafein gleichjam etivas 
Mienjchliches, die Menfjchen gleichjam ettvas Orthaftes; und alles ijt ein {felt- 
james Ruppenfpiel, ein zauberhafter Senuß. Diejes feine Mädchen mit dem 
rabenjchtvarzen Haar, undermeidlich begleitet von ihrem jüngeren blonden 
Detter, diejes Herlein voller Neugier, voll Lebenstwvonne und Sebensdurit, 
voll Phantafie und voll Schönheitsfinn, diejes fofette, vernafchte, energi{che, 
Helläugige, fHarffichtige fleine Ding — fie ift Frucht und Knofjpe zugleich in 
diejem Kranzgetwinde bunter Sejtalten: von allen fommt {ie her, alle {piegeln 
fid in ihr, und mag man fie als Mutter und Ahne Sdbnken, {jo wird fich 
diefer ganze merkwürdige Kleinjtadtfosmos wieder aus ihr ezneuen. 
Wladimir von Hartlieb: „Das Haus einer Kindheit“. Der Roman don Berta und Mifjchta, 
Raul 3folnay Berlag. Berlin — Wien—Leipzig, 1936, 273 Seiten. 
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