Full text: Johann Baptist Reiter 1813-1890

Erfolgskunst Schaffenden die eigentlichen Träger der Entwicklung 
erkannt. Man kann mehrere solcher unter der Oberfläche liegenden 
Kunstschichten unterscheiden. Verhältnismäßig am frühesten ge- 
langte die Schicht der antiakademischen Maler zum Sieg, die der 
Literaturbewegung des Naturalismus entsprachen: also in Frank- 
reich die Impressionisten, in Deutschland die Wirklichkeitsmaler 
um Leibl, in Oesterreich die erzählerischen Realisten wie Rudolf 
von Alt. Viel später aber und durchwegs erst nach ihrem Tode 
wurde die zweite Schicht entdeckt: die Van Gogh in Frankreich, 
Hans von Marges in Deutschland und Anton Romako in Wien — 
alle drei gekennzeichnet durch ihr Suchen nach neuen Ausdrucks- 
formen für ihr persönliches Weltbild. und ihre schöpferische Unbe- 
fangenheit. 
Die dritte und tiefste der Schichten ist die Kunst der „peintres 
naivs“, wie sie Wilhelm Uhde, der Entdecker Henri Rousseaus, ge- 
nannt hat, — eine latente und zeitlose Schicht, aus der heraus ge- 
wisse Talente entsprechend ihrer Anlage, Ausbildung und sozio- 
logischen Situation in die Stadtkunst hineinwachsen, aber zeitlebens 
jenen Hauch von Naivität behalten, der sie zu Eigenbrödlern und 
Einsamen macht, um ihnen später um so gewisser die Nachwelt zu 
gewinnen. 
Für die Wiener Kunst hat die Suche nach den „peintses naifs” 
noch nicht eingesetzt, obgleich Wien eine der liebenswertesten 
Figuren unter ihnen hervorgebracht hat, den Schuster Michael Neder 
(1807—1882), und obgleich solche zwischen Volkskunst und Stadtkunst 
vermittelnden Künstler in Wien ein verständnisvolleres Publikum 
hatten, als in den meisten anderen Städten. Denn Wien, das mit 
seinen in die Weinberge übergehenden Vorstädten noch heute eine 
breite Schichte halb ländlicher, halb städtischer Bevölkerung von aus- 
gesprochen künstlerisch empfänglichem Charakter besitzt, hat im 
19. Jahrhundert die Erzeugnisse der Maler mit dem Stich ins volks- 
tümlich Naive gern gekauft — was anderwo selten der Fall war. 
Das gilt für Michael Neder wie für einen anderen, später Geborenen, 
der allerdings im Vollbesitz akademischen Könnens stand und bei 
dem die Naivität nur eben noch als Unterton mitschwingt: bei 
Johann Baptist Reiter. 
Dieser Maler war nach seinem Tode fast vergessen worden. Auf 
retrospektiven Ausstellungen wurde zwar gelegentlich ein oder das 
andere seiner Porträts gezeigt, und wenn Gemälde von Reiter auf 
einer Auktion auftauchten, fanden sie meist Abnehmer, denen ihr 
Charakter und ihre Qualität auffielen. Aber die Kunstliteratur über- 
ging ihn mit wenigen Ausnahmen, und das Wenige, das in Museal- 
besitz gelangt war, blieb größtenteils in den Depots versteckt. Zum 
ersten Mal wurde man Johann Baptist Reiter gerecht, als die Galerie 
Neumann und Salzer bei ihren Ausstellungen „Die schöne Wienerin“ 
(1930), „Das Wiener Kind” (1931) und „Der nackte Mensch“ (1933) 
Werke des Künstlers zeigte. Kritik und Publikum bewiesen gleicher- 
weise Interesse für den originellen und lebendig wirkenden Maler. 
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