Full text: 325. Ausstellung – Oesterreichischer Kunst-Verein in Wien – Juni – Juli – August 1883

  
  
  
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4 ALLGEMEINE KUÜYST - CHRONIK. 
  
meinschaftlich in fünf einander ablösende 
Corps getheilt waren, unterstützt, hatte in- 
zwischen den heldenmüthigsten Widerstand 
yeleistet, zahllose Türkenstürme abgeschla- 
yen, Noth und Elend aller Art ertragen 
und mit fast unglaublicher Ausdauer in den 
(ıräben und dann im Innern der angegrif- 
fenen Schanzwerke immer neue Abschnitte, 
Blendungen und Schulterwehren errichtet, 
so dass jeder Fuss, den die Türken vor- 
schritten, ihnen Hunderte von Menschen 
kostete. Aber bereits am 3. September 
mussten die tapferen Vertheidiger das so 
lange behauptete Ravelin zwischen der 
Burg- und Löwelbastei verlassen, und am 
6. September flogen :auch die 22 Fuss 
dicken Mauern der Löwelbastei in. einer 
Breite von sechs Klaftern in die Luft. Am 
10. September sendete Feldzeugmeister 
Ernst Rüdiger Graf von Starhemberg 
einen Reiter, der durch die Donau schwamm, 
an den Herzog Carl von Lothringen 
mit dem lakonischen Schreiben: „Keine 
Zeit mehr verlieren, gnädigster‘ Herr, ja 
keine Zeit mehr verlieren!“ In derselben 
Nacht zeigten Feuergarben von Raketen, 
welche vom Stefansthurme aufstiegen, dem 
Herzog nochmals die äusserste Todesnoth 
der Stadt an. Als nun am Abend des 
ı1. September eine deutlich wahrnehmbare 
Bewegung auf den Waldeshöhen des Her- 
mannskogels und Leopoldsberges (die Ent- 
satzheere hatten am ıır. September Vor- 
mittags den Kahlenberg erstiegen und in 
den Wäldern gedeckt Aufstellung genom- 
men), sowie Raketenzeichen, welche als 
eben so viele Hoffnungssterne durch die 
letzte Nacht der Unruhe und Qual schim- 
merten, die Nähe der Befreier verkündeten, 
verwandelte sich einen Augenblick lang die 
allgemeine Verzweiflung in lauten Jubel. 
Nachdem aber bereits zu wiederholten 
Malen die gerechtesten Hoffnungen, die be- 
stimmtesten Erwartungen der Hife seit neun 
Schreckenswüchen getäuscht hatten, kehrte 
bald wieder eine tödtliche Ungewissheit 
über die Stärke. über die Zeit, ja über die 
Möglichkeit eines Entsatzes in alle Gemüther 
zurück, Noch angesichts des Befreiungs- 
heeres konnte Wien eine Beute der Osmanen 
werden, deren Hauptmacht der Grossvezier 
den Verbündeten entgegenwarf, während 
ehe ieh en das I 
die Stürme auf Wien mit verdoppelter Wuth 
fortsetzte. Namenlos war die, Empfindung, 
welche die Herzen der tapferen, aber ge- 
schmolzenen Besatzung und der treuen, aber 
durch Hungerund Mangel ermatteten Bürger- 
schaft erfüllte, f 
Während Kara Mustapha, um den ge- 
Sunkenen Muth der Türken durch Blut und 
  
N 
Griuel zur äussersten Wildheit aufzustacheln, 
alleim Lager befindlichen Christensclaven, 
30.00 an der Zahl, Greise, Weiber und 
Kindır nicht ausgenommen, niedermetzeln 
liess, \ilte die Bevölkerung Wien’s, unbe- 
kümm&t um die unablässig niederfallenden 
feindlichen Kugeln und Bomben auf die 
öffentlichkn Plätze, auf die Zinnen der 
Häuser, \uf die Kirchthürme und in die 
offenen ET. Das von aller Welt 
abgeschlos&ne , zu Tode erschöpfte Wien 
hatte keine \ndere Hoffnung mehr, als jene 
auf den Bektand des Himmels, und ver- 
einigte sich iM Gebete um Rettung. 
„In hoc Se vinces!“ ist das Gebet 
der Wiener vom Jahre 1683 überschrieben, 
welches sich b& vielen Familien in Ab- 
schrift erhalten hat und nach Bermann’s 
‚Geschichte der Kaiserstadt“ folgenden 
Wortlaut hatte : 
„Herrscher Himnkls und der Erde! 
Lasse Dich Dein Volk erbitten, 
Hilf demselben und zertrenne 
Des Erbfeindes grausam Wüthen. 
Lass’, o Vater, Dich erweichen, 
Siehe nicht an uns’re Sünd’, 
Dein Barmherzigkeit uns zeige 
Und verschon’ der kleinen Kind, 
Ach! Wir. fallen. Dir zu Füssen, 
Und mit dem verlor’'nen Söhne 
Wir insbrünstig Alle rufen: 
Schone, liebster Vater, schone! 
Treibe ab von unsern Mauern 
Die verdiente Grausamkeit, 
Wir als treue Kinder wollen 
Loben Dich in Ewigkeit!“ 
ER % 
Das Colossal-Gemälde zeigt dem Be 
schauer Wien während dieser letzten Nacht 
der Türken-Bedrängniss. Das Gebet der 
Belagerten steigt, -- durch die magische Er- 
scheinung des über dem Stefansthurm empor- 
ragenden Lichtkreuzes symbolisirt, — als 
Ausdruck der Todesangst und der letzten 
Hoffnung: zu den dunkeln Wolken auf. Der 
erschlagene Bürger links im Vordergrunde, 
sowie rechts der Beduine mit dem eine Last 
von abgeschnittenen Christenköpfen tragen- 
den Kameele verdeutlichen das Schicksal 
der Belagerten im Falle einer Erstürmung 
der Stadt. ; 
Der grosse Ausstellungssaal des Oester- 
reichischen Kunstvereines wurde als 
Innenraum eines türkischen Zeltes mit 
i en Waffen, Kahnen, Rossschwefen— 
und Zeltwächtern ausgestattet, um dem Be- 
schauer den richtigen Standpunkt, gleichsam 
den Ausblick aus einem Türkenzelte zu ver- 
gegenwärtigen, vor welchem das noch im 
letzten Augenblicke von der Uebermacht 
der Feinde wie von dunkel silhouettirten 
Gespensterschaaren bestürmte Wien gleich 
einem düsteren Traumbilde sichtbar wird, 
  
  
  
 
	        
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