Full text: Pathos des Apollon. Eine bildanthropologische Analyse des Werks Apollo, die Pestpfeile aussendend (um 1920) von Alexander Rothaug (Curator's Choice, Nr. 4, 2022)

MIROSLAV HAĽÁK CURATOR‘S CHOICE 
# 4 / 2022 
3 
enn in der Zeit des deutschen Nationalsozialismus ein künst- 
lerisches Schaffen als „ zutiefst deutsch" 1 zelebriert wurde, 
kompromittiert dies nicht nur den*die Künstler*in selbst, sondern auch 
sein*ihr Werk. In einem Ze itungsar tik el aus den Flensburger Nachrichten 
vom 3. August 1938 wittert der r egimetr eue J ournalist Günter Herbst 
eine Möglic hk eit, die jü dische Bevölkerung zu diffamieren, indem er 
sich darüber beschwert, dass der „scha ffenskr äftige“ Maler Al exander 
Rothaug „jahr elang durch die Machenschaften des j üdischen Kunsthan- 
dels in  Wien kein Bild verkaufen konnte […]“. 2 
Wie sollen die Disziplin der K u nstgesc hichte und ihre kunsttheore- 
tischen Ansätze mit kontroversen P ositionen umgehen? Bagatellisieren 
oder beschönigende Alibis konstruieren ist angesichts sol cher Texte 
unhaltbar . Jeder Beleg einer sympat hisi er enden Gegenüberstellung 
zu dieser Ideologie wirkt kompromittierend und kontaminierend. Sogar 
scheinbar unantastbare Positionen expressionistischer Kunst, die im 
Drit ten Reich noch als „entartet“ ga lten, werden anhand belast e nden 
Beweismaterials nun kritisch revidiert. 3 
Die Monumentalität antik er Myt hen und a lteur op äischer Fabeln 
bestim mt das Œuvre Alexander Rothaugs entscheidend. Es waren 
ger ade id ea lisierte Heldenmodelle, die Ro thaugs Bilder für Propaganda- 
zwecke leicht instrumentalisierbar machten. Im spä tsymbolistisc hen 
Stil entwickelte er eine eigene anatomische F ormensprache, die er im 
Heft Sta tik und D ynamik des menschlichen K örper s ( 1933) auch theo- 
r etisch zusamm enfa sste. Im Bild aus dem Jahr 1920 kann explizit von 
einem a rischen Kunstideal noch keine Rede sein. Andererseits bed iente 
sich spä ter die offizielle Kunst des Dritten Reiches sehr wohl einer 
mobilisierenden visuellen Sprache. Aus dem Diapason der künstleri- 
schen Ausdrucksmittel und Stile wur den mimetisch gegenständliche 
und symbolisch e Positionen her ausgegriff en . Ziel war, die erwün sch ten 
Normative vom Schönen und Richtigen auf leicht v er ständlich e Art zu 
verbreiten und so mittels Kunst die Gesellschaft zu indoktrinieren. 
Das Werk in der Sammlung und sein mythologisches V orbil d   
Das Bild Apollo, die Pestpfeile aussendend gela ngte nach dem Tod 
Alexander Rothaugs im Zuge der Nachlassverwaltung im Jahr 1946 
in die Sammlung des Belvedere. Dem T estamen t des Künstler s zufolge 
sol lten alle Werke, die bis zu seinem T odestag noch nicht verkauft 
worden waren, auf Mu seen und G alerien aufgeteilt werden. Ber eits 
im März 1946 e inigte sich der Brude r des Künstlers, Leopo ld Roth aug, 
der den Nachlass betreute, mit der Öst err eichischen Gal erie Belvedere 
auf eine Schenkung von acht Bildern 
(→ 
Abb. 1). 
Die großformatige Leinwand stell t ein Sujet aus der homerischen 
Mythologie dar. Die K omposition des B ildes wird um den r ömisch- 
griechischen Gott Apol lon auf gebaut. Der Sohn von Zeus und der 
Titanentochter Leto wird als „Inb egriff des Hellenentums“ und als 
Garant der sittlich en Ordnung und des edlen Maßes überhaupt“ 
⟶ 
Abb. 1: Brief von Leopold Rothaug an Fritz Novotny, 
28. 4. 1946, Archiv des Belvedere, Wien, Nachlass Alexander 
Rothaug, Obj.-Nr. AKB_HA-1946-108; Foto: Belvedere, Wien 
1 Günter He rbst, „Atelierbesuch bei dem Wiener Maler Alexander Rothaug“, in: Flensburger Nachrichten, 3. 8. 1938, zit. nach Horst G. Ludwig, Alexander und 
  Leopold Rothaug. Zwei Wiener Maler um 1900, München 2009, S. 14f.   
2 Herb st 1938 (wie Anm. 1), S. 14. 
3 Siehe zum Beispiel Bernhard Fulda, „‚Hinter jedem Busch lauert Verkennung und Neid.‘ Emil Noldes Reaktion auf den Sieg der Traditionalisten“, in: Wolfgang 
Ruppert (Hg.), Künstler im Nationalsozialismus, Wien 2015, S. 261–286. W
	        
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