Full text: Marie Bashkirtseffs Gemälde Im Nebel in der Sammlung des Wiener Belvedere. Eine Entdeckung (Curator's Choice, Nr. 6, 2023)

FRANZ SMOLA CURATOR‘S CHOICE 
# 6 / 2023 
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Bemerkenswert ist sch ließlich auch, wie B ashkirtseff s Gemälde Im 
Nebel in die Sammlung des Belvedere gelangte. Das Bild war gem ein- 
sam mit einem weiteren Werk B ashkirtseffs, dem Bildnis einer Lesende n, 
Teil der Auss t ellung Kunst der Frau, die 1910 im Gebäude der Wie ner 
Secession pr äsentiert wurde (→ Abb. 2– 4). Organisiert wurde die Schau 
von der im selben Jahr gegrün deten V ereinigung bildend er Künstlerinnen 
Österreichs. Diese V ereinigung war die erste wichtige Inter essen v ertr e- 
tung von Künstlerinnen in Österreich und sol lte ab 1912 auch über eige- 
ne Ausstell u ngs- und V ereinsräumlichkeiten v erfügen. Mit der 317 Expo- 
nate umfassenden Ausstellung Kunst der Frau wurde in Wien das erste 
Mal der V er such un ternomm en, die bedeutende Rolle von Künstlerinnen 
in der eur opäisc hen und US-amerikanischen Kunstgeschichte vom 16. bis 
ins frühe 20. Jah rhun dert zu dokumentieren. 4 Angesichts des Kultsta tus, 
den Marie Ba shkirtseff als Iden t i fik ationsfigur besonder s in den Jahren 
um 1900 genoss, überrascht es nicht, dass ihre Werke auch in die ser 
a m bitionierten Schau vertreten waren. 
Aus nicht näher bekannten Gründe n, v ermutlich aber durch Ankauf, 
verblieb B ashkirtseffs Im Nebel nach der Schau im Besitz der V ereinigung 
bilden der Künstlerinn en Österr eich s, die es im Jahr darauf der Modernen 
G alerie, der späteren Österr eichisc hen Ga lerie Belvedere, schenkte. 5 
Diese Schenku ng an die Moderne Galerie dokum entiert zweifellos die 
große W ertschä tzun g, die Marie Bashkirtseff in den Augen der Künstle- 
rin nen in Österr eich genossen hat te. G ewiss war es ein Anliegen der ös- 
terreichischen Malerk o lleginnen , die ser Pionierin w eiblichen Kunstschaf- 
fens damit ein bleiben des Andenken auch in Wien zu v er scha ffen. 
Ihren hohen Bekanntheitsgrad verdankte Marie B ashkirtseff zweifel- 
los in er ster Linie ihren umfangreichen T agebuchaufzeichnungen, die drei 
Jahre nach ihrem Tod 1887 in Paris erschienen (→ Abb. 5). 6 Die Künstlerin 
hatte 106 Bände handgeschriebener Manu skript se iten hinterla sse n, die, 
in herkömmliche Schreibmaschinenschrift transkribiert, rund zw eitausend 
Seiten füllen würden. 7 103 Bände übergab Bashkirtseffs Mutter der   
Bibliothèque nationale de France, die diese späte r in 84 Bänden der Öf- 
fentlichkeit zugänglich mac hte. 8 1889 lagen sie ber eits in einer englisc hen 
Übersetzung vor, 9 1897 folgte eine deutsche Übersetzung. 10 
Diese T agebuchaufzeichnungen sind aus mehreren Gründen äußerst 
bemerkenswert (→ Abb. 6). Zum einen umfassen sie lückenlos die   
Jugendjahre der heranwachsenden ju ngen Frau und geben einen detail - 
lierten Einblick in ihr Leben und Denken. Trotz der Intimität und der   
bekenntnishaften Offenheit in der Mitteilung wünschte sich die V erf asse- 
rin, dass die Texte späte r einmal veröffentlicht und einer breiten   
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Abb. 2: Ausstellungskatalog Die Kunst der Frau. 
I. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstlerinnen 
Österreichs und XXXVII. Ausstellung der Secession, 
Wien, 5. 11.1910 – 8.1.1911: Frontispiz, Bibliothek des 
Belvedere, Wien; Foto: Belvedere, Wien 
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Abb. 3: Ausstellungskatalog Die Kunst der Frau (siehe 
Abb. 2): Katalogeintrag der beiden in der Ausstellung 
gezeigten Werke von Marie Bash kirtse ff, Kat-Nrn. 98 und 99, 
Bibliothek des Belvedere, Wien; Foto: Belvedere, Wien 
4 Die Kunst der Frau. I. Ausstellung der Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs und XXXVII. Ausstellung der Secession, Wien, 5. 11. 1910 – 8. 1. 1911. – Siehe 
dazu Rudolfine Lackner , Für die lange Revolution! Die Vereinigung bildender Künstlerinnen Österreichs 1910 –1985 und der Verband bildender Künstlerinnen und 
  Kunsthandwerkerinnen Wiener Frauenkunst 1926 – 1938/1946 – 1956, Diss. Universität Wien 2017, S. 3 2–34.   
5 Lackner 2017 (wie Anm. 4), S. 35f.   
6 André Theuriet (Hg.), Le journal de Marie Bashkirtseff, 2 Bde., Paris 1887. 
7 Voigt 1997 (wie Anm. 1), S. 48. 
8 Anja Herrmann, „Notre-Dame der Schlafwagen oder die Maskeraden der Marie Bashkirtseff (1858 –1884)“, in: dies. / Renate Berger (Hg.), P aris, Pa ris! Paula 
Modersohn-Becker und die Künstlerinnen um 1900, Stuttgart 2009, S. 39–58, hier S. 47. 
9 Marie Bashkirtseff. The Journal of a Young A rtist 1860–1884, übers. von Mary J. Serrano, New York 1889. – Journal of Marie Bashkirtseff, Bd. 1: I Am the Most 
  Interesting Book of All, übers. von Phyllis Howard Kernberger und Katherine Kernberger, San Francisco 1997. 
10 Tagebuch der Maria Bashkirtseff, übers. von Lothar Schmidt, 2 Bde., Breslau/Leipzig/Wien 1897. – Gottfried M. Daiber (Hg.), Tagebuch der Maria Bashkirtseff, 
Frankfurt am Main / Berlin / Wien 1983 (gekürzte Ausgabe der Übersetzung von Lothar Schmidt von 1897).
	        
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