Full text: Marie Bashkirtseffs Gemälde Im Nebel in der Sammlung des Wiener Belvedere. Eine Entdeckung (Curator's Choice, Nr. 6, 2023)

FRANZ SMOLA CURATOR‘S CHOICE 
# 6 / 2023 
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Leser*innenschaft zugänglich gemacht werden sollten. Zum ander en 
erm ög lichen die Texte eine ungeschönte Einsicht in das soziokulturelle 
Milieu der konservativen arist okr atisch en Ober schich t der Stadt Pa ris, 
wobei Bashkirtseffs F amilie aufgrund der Herkunft, des Fehlens eines 
männlichen Familienoberhaupts und der längere Zeit andauernd en 
prekären V ermögensbasis selbst nicht völlig den R egeln dieses Milieus 
entsprach. Sc hließlich spiegeln die Texte in sehr ausgeprägter Weise   
die Zerrisse nheit der j ungen Frau zwischen ihrer familiären und mate- 
riellen Abhängigkeit und ihrer Sehnsucht nach einem selbstbestimm t e n 
Leben als anerkannte Künstlerin. Unbestritten ist, dass die junge Auto- 
rin angesichts der Offenheit und Schä rfe, mit der sie ihre W ünsche, ihre 
Sehnsüchte, aber auch ihre Eitelkeiten, Abneigungen und gesellschafts- 
kritischen Äußerungen a rtikulierte, die K onv entionen ihrer Zeit weit 
hinter sich ließ. Zudem genügen die T exte, w elche die in Russland auf- 
gewachsene Sc hriftstell erin sämtlich auf Französisch verfasste, höch s- 
ten liter a rischen Ma ßstäben und vermitteln aufgrund des lebendigen 
Erzäh lstils und des häufig gebrauchten Einsatzes von gesprochenen 
Dia logen den Ein druck von abwechslungsreichen Kurzgeschichten. 
Besonder s unter Kunststude ntinn en erlangten Ba shkirtseffs Tage- 
bücher in jenen Jahren nahezu Kultstatus. Sie bestä rkten angehende 
Künstlerinn en darin, trotz sozial er und b eruflicher Sc hwierigk eiten die 
V erwirklichung ihrer Ziele voranzutreiben. Vor allem Bashkirtseffs   
lebha fte Schilderungen vom Un t errichtsbetrieb an der Académie Julian 
e ntf esselten bei vielen Leserinn en, so etwa auch bei Paula Modersohn- 
Becker, die Lust, es ihr gleichzutun und den Sprung in die Pariser   
Kunstw elt zu wagen. 11 Einige Literaturkritiker*innen bezeichneten   
Ba shkirtseffs T agebücher als eine Art B ettlektür e für eine solch e er- 
sehnte P arisr eise, nachdem der fr anzösische Schriftsteller und Politiker 
Maurice Barrès in seine m 1890 veröffentlichten Text „La légende d’une 
cosmopol ite“ B ashkirtseff als die „Notre-Dame du sleeping-car“ („Notre- 
Dame der Schlafwagen“) bezeichnet ha tte. 12 
Weit über das Inter esse w eiblicher Kunstschaffender hinaus err eg- 
ten Ba shkirtseffs T agebücher bald auch die Aufmerksamkeit der lite- 
r arischen Zeitgenoss*innen. Zu ihren frühen Bewunder*innen zählten 
Gr ößen wie der Dichter Geor ge Bernar d Shaw oder der britisch e P oliti- 
ker Willia m Gl adstone. 13 Der englische Erzähler George Gissin g las die 
fr anzösische Original ausgabe der T agebücher von Marie Ba shkirtseff im 
Juni 1890 nach eigenen Angaben in nur acht Tagen. 14 Auch der österr ei- 
chische Dich ter Hugo von Hofmannsthal v erfa sste noch vor dem Er schei- 
nen der deutschsprachigen Ausgabe eine anerkennende Rezension, die 
zu den ersten Erwähnungen der T agebücher im deutschen Sprachraum 
zähl t. 15 1898 schrieb auch die Wiene r Fr auenr echt lerin Rosa Mayreder in 
einer Fachzeitschrift einen Beitr ag über die früh verstorbene Künstlerin. 16 
11 Renate Berger, „Und ich sehe nichts, nichts als die Malerei“. Autobiographische Texte von Künstlerinnen des 18. – 20. Jahrhunderts, Frankfurt am Main 1987, S. 22. 
12 Mau rice Barrès, „La légende d’une cosmopolite“, in: ders., Huit jours chez M. Renan. Trois stations de psychothérapie. Toute licence sauf contre l’amour, Paris 1923,   
S. 87–174, zit. in Herrmann 2009 (wie Anm. 8), S. 39f. 
13 William Ewart Gladstone, „Journal de Marie Bashkirtseff“ , in: The Nineteenth Century, Heft 126, 1889, S. 602–607 . 
14 Pierre Coustillas (Hg.), London and the Life of Literature in Victorian England. The Diary of Ge orge Gissing, Novelist, Brighton 1978, S. 219f. 
15 Hugo von Hofmannsthal, „Das Tagebuch eines jungen Mädchens. Journal de Marie Bashkirtseff“ (1893), in: ders., Reden und Aufsätze I. 1891 – 1913, hg. von Bernd   
  Schoeller, Frankfurt am Main 1979, zit. in Rainer Stam m, „Zwei Künstlerinnen in Pari s. Paula Modersohn-Becker und Jeanne Marie Bruinier an der Académie 
  Colarossi“, in: Renate Berger / Anja Herrmann (Hg.), Paris, Pa ris! Paula Modersohn-Becker und die Künstlerinnen um 1900, Stuttgart 2009, S. 91–106, hier S. 93. 
⟶ 
Abb. 4: Ausstellungskatalog Die Kunst der Frau (siehe 
Abb. 2): Das im Katalog abgebildete Werk von Marie Bash- 
kirtseff Kat.-Nr. 98: „Frauenkopf (von ihr selbst zerschnitten)“ , 
Bibliothek des Belvedere, Wien; Foto: Belvedere, Wien
	        
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